Bild oben:
Da gibt es wohl für uns beide was zu sehen.
20. Tag / Samstag, 14. April
Die erste Nacht im Bushcamp. Das „camp“ steht in diesem Falle hier für „ganz einfach“. 7,50 A$ für die Nacht mit Dusche und WC, das ist wirklich ok. Es war erstaunlich ruhig. Zunächst. Ich hätte eigentlich von selbst drauf kommen können: Wenn es so weit draußen im Busch Strom gibt, dann muss der hier irgendwie erzeugt werden. Und da Solarenergie in Oz noch nicht den Stellenwert hat, den sie haben sollte, ist es eben ein Generator, der hier für Licht und dergleichen Stromverbraucher sorgt. Und, richtig. Ein Generator erzeugt nicht nur Strom, sondern auch noch Lärm. Wenn auch unter irgendwelchen Blechverschlägen abgedeckt und weit weg: das dumpfe Geknatter hat die zuvor angenehme Ruhe einfach gestört. In der absoluten Stille nimmt man eben jedes Geräusch wahr. Ich jedenfalls. Na ja, trotzdem annehmbar geschlafen.
Balconoona
Raus um halb sieben und nach dem 4-Marmelade-Sandwich-Frühstück los nach Balcanoona zur Parkverwaltung. Dort treffe ich den Ranger. Darsey, ein Aborigine, ist der einzige für dieses Gebiet. Wir plaudern ein bisschen über seinen Job. Ja, manchmal gebe es Problem mit den Bushwalkers. Aber nur, weil einige die Hitze und die Trockenheit unterschätzen. Umgekommen sei aber in seinem Revier noch niemand, sagt Darsey, was mich definitiv beruhigt – zumal ich auch nicht zu Fuß unterwegs bin.
Coal down
Und weiter geht’s in Richtung Copley und Maree. Immer wieder die Einsamkeit, immer wieder das „trockene Ganze“ und immer wieder Abwechslungen, auch, wenn man schönere erwartet als das Leigh Creek Coaldfield. In Australien liegen rund 10 Prozent der weltweiten Kohlevorkommen. Über die Hälfte ihrer Energie erzeugen die Australier durch Verbrennung von Kohle, die sie im Tagebau fördern. Ihren CO2-Ausstoß haben sie in 20 Jahren (zwischen 1990 und 2009) um fast 45 Prozent gesteigert. Aber im Gegensatz zu unserer Politik wird von den 500 größten Energieverbrauchern down under ab Juli 2012 zumindest eine Kohlendioxidsteuer erhoben.
Eine Straße mit Namen ohne Ortschaft
Weiter auf der Barndioota Road (B83) nach Norden Richtung Maree. Der Straßenname täuscht. Es ist nicht nur eine Straße, sondern eine verdammt lange Straße. Hausnummern fehlen, da es keine Häuser gibt. Der Name ist eher eine Bezeichnung. Barndioota Road könnte also übersetzt heißen: verdammt lange Straße Richtung Norden irgendwo hin. Auf jeden Fall führt sie nach Maree. Dort, wo früher das Vieh vom Birdsville-Track auf die Eisenbahn verladen wurde, ist nur noch die Erinnerung und ein alte verfallene Bausubstanz übrig geblieben. Noch mal voll tanken. 134 Liter für 188 A$ und weiter Richtung Williams Creek.
Four-Wheel-Drive (2×2)
Die Wegstrecke entspricht nun ganz dem Outback. Links und rechts der Straße entweder Bush oder ganz ohne Vegetation. Die Piste verläuft kilometerlang und kerzengerade topfeben. Der Horizont kann 3 Kilometer entfernt sein oder 30. So genau kann ich das nicht abschätzen. Zum ersten Mal wird mir richtig bewusst, wie heiß es inzwischen geworden ist. Ich habe bei Tempo 60-80 beide Fenster offen und es ist sehr, sehr warm.
Und dann am Horizont das. Ich glaube erst an eine Fata Morgana. Aber das vermeintliche Trugbild zeigt sich immer deutlicher, bis es letztendlich zur Gewissheit wird: In dieser völligen Einöde kommen mir bei der Bullenhitze zwei Radler entgegen. Robert Cooper, Amerikaner und Scott Miles aus Tasmanien. Robert ist seit einigen Wochen unterwegs und fährt von Sydney nach Alice Springs. Scott ist seit einem Jahr im Sattel und lässt sich treiben, wie er sagt. Vor ein paar Tagen haben sie sich getroffen und beschlossen, einige Zeit zusammen zu fahren. Meine Güte, was für eine Strapaze! Aber die beiden sind in ihrem Element. Und nein, gegen ein kühles Bier hätten sie natürlich überhaupt nichts einzuwenden. An meinem weißen Geländewagen sollte eigentlich ein rotes Kreuz prangen.
Coward Springs Railway Site
Rund 80 Kilometer vor Williams Creek biege ich ab – aus reiner Neugier – und finde eine historische Stelle. Die Coward Springs Railway Site, das war früher zu Pionierzeiten eine Haltestelle der alten Ghan-Linie, der Zugverbindung zwischen Adelaide und Alice Springs. Vorhin noch wollte ich strickt weiter nach Williams Creek fahren, nur um noch ein paar Kilometer zu machen. Die Eingebung, hier reinzufahren, war mehr als richtig. Wie dämlich muss ich eigentlich sein, hier Kilometer machen zu wollen? Es soll der letzte Anflug von Unsinn dieser Art für mich gewesen sein.
Die Coward Springs Railway Site ist nicht nur ein wunderbarer ruhiger Platz zum Übernachten und Relaxen, es ist einer dieser Punkte, an dem man wirklich innehalten kann, nein, innehalten muss. Ein Ort, an dem man die Geschichte geradewegs erschnuppern kann. Man spürt regelrecht, wie es hier vor hundert Jahren gewesen sein muss. Und den Rest erklären die wenigen Informationstafeln im alten Bahnwärterhaus.
Mate in Australia
Vorüberfahrende können die Duschen und die Toiletten benutzen oder, was absolut zu empfehlen ist, das natural spa, eine warme, eingefasste Quelle, die nach dem staubigen Ritt nicht nur eine Wohltat, sondern auch Pflicht ist. Für die, die über Nacht bleiben wollen, gibt es am Gatter eine self-registration, wo man sich einträgt und 8 australische Bugs erst in ein Couvert und anschließend in einen Kasten steckt, den man ohne große Mühe plündern könnte. Aber das ist eben Australien. Niemand käme hier auch nur auf die Idee, das zu tun. Ich muss unweigerlich die Situation mit europäischen Verhältnissen vergleichen. Armes Europa!
Also, self-registration und – noch ohne Bezahlung – auf den Campground. Ein Typ auf dem Fahrrad grüßt, ich winke ihn herbei und frage, ob er der Manager sei. „Yes mate.“ Ob er wechseln könne, ich hätte nur noch große Scheine. “No worries!“ Dann solle ich eben ein andermal bezahlen. Das würde schwierig, gebe ich zur Antwort, da ich lediglich auf der Durchreise bin und morgen in Richtung Coober Pedy aufbreche. „Gute Reise“, sagt er nur lakonisch und radelt wieder weg. Da ich mal wieder der einzige am Platz bin, besteht auf Geldwechsel keine Aussicht. Vielleicht kommt jemand morgen früh, dann will ich die Sache in Ordnung bringen. Das Couvert, das ich zur Campsite mitgenommen habe, nehme ich als Souvenir mit nach Hause.
Natural Spa
Danach nehme ich im warmen Wasser des „narural spa“ ein Bad, wie es auch der Bahnwärter vor hundert Jahren gemacht hat. Was für ein Genuss nach einem heißen Tag. Ich sollte noch erwähnen, dass mir am frühen Abend die Fliegen unheimlich zugesetzt haben, ich abends beim Zähneputzen eine kleiner Eidechse aus dem Waschbecken geholfen habe und mir gegen später einen richtig guter Photo-Shoot gelungen ist: das Kreuz des Südens. Wenn auch die Profis lachen wollen, mir gefällt es außerordentlich gut. Zumal ich kein Fotograf bin, sondern nur ein Knipser. Und dann denke ich mir noch: Kissel, wenn Du wieder meinst, Du müsstest Kilometer fressen, dann denke an die Coward Springs Railway Site und lass‘ Fünfe gerade sein.




































