Unterwegs

Veröffentlicht am 24. Mai 2014 | von Martin Kissel

„Eine eigene Identität zu wahren hat nichts mit Nationalismus zu tun“

„Natürlich gehe ich wählen. Wahlen sollten uns generell wichtig sein. Sie sind doch ein fester Bestandteil einer Demokratie. Ich nehme dieses Angebot immer an und das sollte auch jeder tun, der sich für einen mündigen Bürger hält.“

Das Votum von Christian Staffler steht, auch für die Europawahl am Sonntag. Der 33-jährige ist der Direktor des Tourismusvereins Passeiertal in Südtirol. Dort, wo man 500 Jahre zu Österreich gehörte, dann 1919 italienisch wurde und heute zu 60 Prozent deutsch spricht. Das klingt schon nach ziemlich viele Europa. Aber Südtirol ist vor allem stolz auf seine Autonomie. Ein europäischer Anachronismus?
Im Gegenteil. Heute ist Südtirols Autonomie weltweit ein Modell für Minderheiten.

„Wir werden von Touristen oft gefragt: was seid Ihr jetzt eigentlich, welcher Nation fühlt Ihr Euch zugehörig? Seid Ihr Italiener, Österreicher, Deutsche? Ich sage dann immer: weder noch. Ich bin Südtiroler.“ Das leuchtet den meisten ein, zumal das gleichnamige Land auf eine solche Folgerung schließen lässt.

In diesen Tagen, wo die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sich hier auf die WM in Brasilien vorbereitet, mag man bei Christian Staffler schon von Berufs wegen eine Affinität zur deutschen Seite vermuten. Ein Irrtum. Obwohl er der deutschen Mannschaft die Daumen drückt. Andere aber sympathisieren mit den Italienern. Kein Problem. Denn ihre Südtiroler Identität eint sie. Da ist viel Platz für Toleranz.

„Wir sind es gewohnt miteinander zu leben trotz unterschiedlicher Identität, die jeder für sich selbst bestimmen kann. Das ist kein Problem, solange jeder den anderen respektiert. Da sollten die ganzen Nationalismen keine Rolle spielen. Mir persönlich ist es wichtig, dass Minderheiten auch ihre Eigenheiten behalten dürfen, die kulturelle Identität, Tradition und dergleichen“, sagt der Italiener Staffler in deutscher Sprache.

Und was hält er von Straßburg und Brüssel? „Für uns hier ist es gut, dass es in Brüssel Menschen gibt, die ihre, unsere Identität nicht nur leben, sondern sich auch dafür einsetzen. Für Interessen einstehen wie Berg- und Landwirtschaft, die für Südtirol nun mal ganz wichtig sind.“

Das klingt nach einem deutlichen Ja zum Lobbyismus. Aber auch nach einem Ja zu Europa.

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